Das neue Huhn

In einem abgelegenen Landhaus lebten einst eine alte Frau und ein alter Mann. Sie hatten einen Stall mit ein paar Hühnern auf einer Wiese bei ihrem großen Garten. Die Tiere bekamen morgens und abends Körner zu fressen und konnten den ganzen Tag lang nach Herzenslust scharren oder Sandbäder nehmen. Bei Regen konnten sie in den kleinen Stall, den der Mann gebaut hatte. Jedes Huhn hatte darin in einem großen Regal ein eigenes Plätzchen, über dem auf einem Schildchen sein Name stand. Davor hatte die alte Frau jeweils kleine, bunt gemusterte Lappen als Vorhänge angebracht, die sie liebevoll genäht hatte. So hatte jedes Huhn beim Eierlegen seine Ruhe. Die Tiere hatten es gut.

Eines Tages sagte die Henne Pockpock zu ihrer Schwester Emma: „Jetzt reicht es mir langsam. Das neue Huhn ist nun schon seit zwei Wochen bei uns, aber noch nie hat es auch nur ein einziges Ei gelegt. Es darf fressen wie wir, tut aber nichts dafür.“ Die Schwester gab ihr Recht und seufzte. Aber was konnte man da schon machen?
Emma lief auf den Hof zurück und scharrte weiter; vielleicht fand sich ja ein Regenwürmchen.
Aber Pockpock ließ nicht locker und rief ihr hinterher. „Wenn das so weitergeht, beschwere ich mich bei den Leuten.“

Von nun an beobachtete sie das neue Huhn argwöhnisch.
Es war so neu, dass es noch nicht einmal einen Namen hatte. Es war verletzt aufgefunden worden; der alte Mann hatte es in den Stall gebracht und ihm den linken Flügel verbunden. Seitdem saß es meist nur auf einer Stange.
Sah es nicht komisch aus? Es war kleiner als die anderen Hennen und sein Gefieder war viel heller. Es bekam ein anderes Futter und roch auch ganz anders. Und es gab seltsame Laute von sich, die Pockpock nicht verstand. Pockpock fand auch, dass es morgens viel zu lange schlief.
Überhaupt – wenn es keine Eier legte, was sollte es dann hier?

Eines Nachts, als alle Hühner brav in ihren Nestern schliefen, brach urplötzlich ein wildes Geschrei los. Das neue Huhn flatterte heftig mit dem einen Flügel, hopste aufgeregt hin und her und machte dabei so einen großen Lärm, dass die Leute herbeieilten. Ein Fuchs hatte sich dem Hühnerstall genähert. Eilig hatten die Menschen ihn in die Flucht geschlagen.
Der alte Mann besah sich das Türchen und murmelte vor sich hin: „Ich muss unbedingt die Scharniere reparieren, damit sich der Fuchs nicht mehr hindurchzwängen kann.“
Er setzte das neue Huhn vorsichtig auf seinen Unterarm und sprach zu ihm: „Nun ist es gut. Dein Flügel ist bald wieder gesund; dann kann ich dich in die Freiheit entlassen. Wie gut, dass ihr Eulen Nachttiere seid, sonst hätte es sicher ein Unglück gegeben!“


“Das neue Huhn” ist eine Episode aus “Kunterbunte Geschichten”, erschienen im August 2019

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.